Erklärung der „Freien im Norden“

Die „Freien im Norden“ hatten angekündigt, die Entwicklung des neuen Beschäftigungsmodells für freie Mitarbeiter aufmerksam, kritisch und konstruktiv zu verfolgen.
Auf einer Versammlung in Hamburg am 15.01.2011 haben sich freie NDR-Mitarbeiter aus Schleswig-Holstein, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen über die bisherige Umsetzung des neuen Modells ausgetauscht.
Mehr als zwei Jahre nach Einführung des neuen Beschäftigungsmodells sehen die „Freien im Norden“ weiter den Willen der Intendanz, die Freienbeschäftigung im Sinne einer fairen Zusammenarbeit zu reformieren. Auch begrüßen wir ausdrücklich die Arbeit der Freien-Beauftragten Monika Hyngar, die in vielen Fällen geholfen hat und bei Personalverantwortlichen für die Reform wirbt.
Trotz Erfolgen in einigen Abteilungen wird das Modell jedoch in vielen Programmbereichen kaum bis gar nicht genutzt, so dass bisher nur sehr wenige Freie davon profitieren. Noch immer geht es im Zusammenhang mit der Freienbeschäftigung hauptsächlich um arbeitsrechtliche Risiken. Dadurch wird auch weiterhin verhindert, dass Freie, die qualitative und wichtige Programmarbeit leisten, eine wirkliche Perspektive im NDR bekommen.
Themen der Versammlung waren auch die Auswirkungen der Sparmaßnahmen auf die Honorare und Probleme durch die Zusammenarbeit des Hauses mit Produktionsfirmen.

  1. Das neue Beschäftigungsmodell

Noch immer gibt es übertriebene, teils absurde arbeitsrechtliche Ängste und Bedenken bei Redaktions- und Abteilungsleitern, die der Weiterbeschäftigung angeblich im Wege stehen oder auch als Argumente vorgeschoben werden. Oft heißt es, dass nur „herausragende Persönlichkeiten“ gehalten werden sollen, wozu offensichtlich eher Moderatoren als Reporter und Autoren gezählt werden und erst recht keine freien Mitarbeiter im Online-Bereich oder Nachrichten-Schichtdienst.
Die 15-Jahres-Grenze ist zwar aus der Dienstanweisung gestrichen, faktisch aber nach wie vor existent. Sie wird als zeitliche Grenze (wieder) ausdrücklich genannt. Personalverantwortliche verweisen auf das angebliche finanzielle Risiko, das den Redaktionen nach einer gewissen Anzahl von Jahren erwachsen würde. Selbst von zu hinterlegenden Stellen ist immer noch die Rede. Dabei steht in den FAQs im NDR-Intranet (18.12.2008): "Ein finanzielles Risiko besteht nicht...".
Viele Chefs führen nicht das in der Dienstanweisung ausdrücklich vorgegebene jährliche Perspektivgespräch.
Personalverantwortliche erwarten, dass sich Freie ständig verfügbar halten und verhindern so den vom Haus prinzipiell gewünschten Aufbau eines „zweiten Standbeins“.
Der NDR hat noch keine Zahlen vorgelegt, mit welchem Erfolg das Modell bislang umgesetzt worden ist.
Wir fordern:
Das neue Beschäftigungsmodell muss mit deutlich mehr Leben gefüllt werden - besonders auch in den Bereichen (z.B. Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Online), in denen immer noch ein mangelnder Wille zu Reformen erkennbar ist. Manche Chefs scheinen sich regelrecht gegen die Neuerungen zu sperren.
Von Abteilungsleitern und Redakteuren überall im NDR erwarten wir mehr Mut zur Umsetzung und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.
Die Entscheidungen über die Weiterbeschäftigung von Freien sollten dort  getroffen werden, wo Redakteure die Qualität eines freien Mitarbeiters und den Bedarf am besten einschätzen können.
Das Anrecht auf ein Perspektivgespräch muss klar vermittelt werden und auf Wunsch des freien Mitarbeiters zeitnah stattfinden.
Insgesamt fordern wir mehr Informationen über die konkrete Umsetzung des neuen Modells: Wie viele Verlängerungen über 15 Jahre hinaus gibt es und wo? Wie viele kleine Rahmenverträge wurden mittlerweile vergeben und wo? Wie viele Rückkehrer mit normalen und kleinen Rahmenverträgen gibt es? Um den Fortschritt beurteilen zu können, müssen diese Zahlen auf den Tisch – auch damit sichtbar wird, in welchem Umfang die einzelnen Programmbereiche das neue Modell nutzen.
Nach Ablauf des dreijährigen Testlaufs erwarten wir vom NDR, dass er das Versuchs-Modell zur dauerhaften Lösung macht. Zudem fordern wir das Justitiariat auf, eine Neueinschätzung der arbeitsrechtlichen Risiken vorzunehmen, sollte es – wie in den Jahren zuvor - keine Probleme mit Festanstellungsklagen programmgestaltender Mitarbeiter gegeben haben.
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2. Sparmaßnahmen
Sparen im NDR – für Freie bedeutet das dramatische Auftragsrückgänge, ob durch Streichung von Programm, durch Wiederholungen, Übernahmen oder verlängerte Sommerpausen. Neben Volontären werden offenbar vermehrt auch Praktikanten eingesetzt, um Kosten zu sparen. Dadurch sehen wir die Qualität des Programms bedroht.
Vor dem Hintergrund des allgemeinen Sparzwanges und im Zuge der sich weiter entwickelnden Trimedialität beobachten wir einen Trend zu unfairer Vergütung. Immer wieder kommt es vor, dass mehr Arbeit erwartet, aber nicht honoriert wird. So sollen Freie beispielsweise zusätzliche Fotos oder Online-Texte liefern oder Hörfunk-Beiträge für Wiederholungen nachbearbeiten (Anmoderation aktualisieren, Beitrag kürzen o.ä.) - ohne jegliche oder nur gegen geringfügige Bezahlung.
Auch kommt es vor, dass Hörfunk-Beiträge - anders als beauftragt - im Nachhinein gekürzt und dann auch nur kurz honoriert werden.
VJ‘s fühlen sich unterbezahlt, wenn sie ganze Filme selbst drehen und schneiden, dafür aber nur einen minimalen Aufschlag gezahlt bekommen. Fürs Internet gedrehte Filme werden ohne weitere - oder gegen verhältnismäßig geringe - Honorierung auch fürs Fernsehen übernommen. Zudem gibt es im Bereich der Onlinehonorare keinen mit den Gewerkschaften abgestimmten Tarifvertrag.
Dies sind Honorarentwicklungen, die wir so nicht hinnehmen werden.
Wir fordern:
Faire, angemessene Bezahlung für feste und freie Freie! Sparmaßnahmen dürfen nicht auf dem Rücken von Freien und auf Kosten von Qualität umgesetzt werden!
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3. Frei freie Autoren / Produktionsfirmen
Noch immer gibt es erhebliche Unsicherheiten bei Autoren und in Redaktionen über die Zusammenarbeit mit Produktionsfirmen. Die gegenwärtige Situation, wonach sich Autoren ohne Rahmenvertrag zwischen einer Tätigkeit als Feature-Autor und als Magazin-Autor entscheiden müssen, ist unverständlich, realitätsfern und juristisch unnötig. Die Tätigkeit für Produktionsfirmen darf nicht auf den NDR-Rahmenvertrag angerechnet werden.
Wir fordern:
Schluss mit dem Wirrwarr um Feature-Autoren und Produktionsfirmen! Die Möglichkeiten, die freie Tätigkeit mit der für Produktionsfirmen zu kombinieren, sollten verbessert werden.
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Soweit unsere Zwischenbilanz nach der Freienversammlung in Hamburg. Was uns – neben aller Kritik im Detail – vor allem fehlt, ist ein wirkliches Umdenken in der Freienbeschäftigung. Zwar wird regelmäßig beteuert, wie wichtig freie Mitarbeiter fürs Programm seien. In der Praxis aber werden Freie oft weiterhin entweder als arbeitsrechtliches Risiko oder als austauschbare Masse gesehen – ohne wirkliche Perspektive im NDR.
Diese Erklärung wird von Vertretern der „Freien im Norden“ der Intendanz übergeben. Am 21.11.2011 – drei Jahre, nachdem Intendant Lutz Marmor das neue Konzept zur freien Mitarbeit im Intranet veröffentlich hat – werden wir unsere Bilanz der Einführungsphase ziehen.
Interessenvertretung „Freie im Norden“