Aktuell

„Wir sind dann mal weg...“

Sendegebiet des NDR, 14.02. , 09.00 Uhr
In Hamburg Lokstedt und am Rothenbaum verteilen fest angestellte KollegInnen und Vertreter der Gewerkschaften DJV und ver.di ein gemeinsames Flugblatt zum Aktionstag. Vor den Toren steht abfahrbereit ein knallgelber amerikanischer Schulbus.

 

 

 

 

 

 

 

 

NDR Hörfunk Rothenbaumchaussee /ganz rechts: Stefan Endter vom DJV

Foto: Florian Bueh

Das Motto des Tages „Wir sind dann mal weg“. Hunderte freie MitarbeiterInnen stehen dem NDR an diesem Tag nicht zur Verfügung. Bereits seit dem frühen Morgen müssen viele Hörfunkredaktionen ohne Freie klar kommen. Aktuell-Redaktionen arbeiten mit Notbesetzungen, feste Redakteure sprechen die Nachrichten.

Beim NDR-Fernsehen haben sich die Redaktionen lange auf den 14.2. vorbereitet - Archivmaterial steht griffbereit im Schrank, Nachrichtenbeiträge sollen von Festangestellten produziert werden. Die Schnitt-Dispo hat sich auch vorbereitet - sämtliche Schnittschichten von Fremdfirmen wurden rechtzeitig abgesagt, und im Schnitt-Dienstplan steht überall N.N. . Selbst in der Kantine hat man sich auf den Aktionstag eingestellt - und nur halb so viele Mahlzeiten gekocht.

Am Sendungstag von "Panorama" ging alles ohne die Freien noch hektischer zu als sonst, das fehlende Personal und machte sich deutlich bemerkbar. Während der Sendung sollte dann eine Panne passieren - ein ungemischter Beitrag ging auf Sendung - der erstaunte Zuschauer bekam einen Film ohne Ton zu sehen. Kommentar eines Festangestellten: "Kaum sind die Freien nicht da, produziert Panorama die größte Panne seit langem..."
In Schleswig-Holstein und Niedersachsen sind die Regionalstudios praktisch nicht besetzt. Von Flensburg über Lübeck, Lüneburg, Braunschweig, Osnabrück oder Oldenburg - fast alle Freien haben sich der Aktion angeschlossen, oft sitzen nur die Studioleiter allein da.

Die Hörfunk-Freien sind inzwischen mit dem Schulbus zu einer symbolischen Bewerbungstour durch die Stadt aufgebrochen.

Hamburg Lokstedt, 09.30
In Lokstedt werden die Fernseh-Freien eingesammelt - schon bald ist kein Sitzplatz mehr frei.

Schwerin, Rostock, Neubrandenburg, 9.30 Uhr
Während auf den Konferenztischen orangefarbene Flugblätter leuchten, fehlen in den Morgenbesprechungen von Hörfunk und Fernsehen etwa 40 von 90 freien MitarbeiterInnen. Bis zuletzt hatte die Ankündigung der Freien, am 14. Februar nicht zur Verfügung zu stehen, für Wirbel und drastische Unmutsäußerungen bei einigen Redaktionsleitern gesorgt. Viele fest angestellte RedakteurInnen unterstützen die Aktion jedoch.

Hamburg, 9.45 Uhr

Im Schulbus herrscht beste Stimmung an Bord, Süßigkeiten kreisen, „Reiseleiter“ in orange geben Infos zum Programm - und zu Hamburger Sehenswürdigkeiten entlang der Route.

Reiseleiter Werner und Lennart - bestens vorbereitet für die Stadtrundfahrt .

Foto: Florian Bueh

 

Mit dabei: die freie Autorin und Moderatorin Julia Sen (oben) und Extradrei-Moderator Tobi Schlegl.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hannover, 9.30 Uhr

Gähnende Leere im Landesfunkhaus. Auf den Tischen liegen orange Flugblätter, einige fest angestellte Redakteure lassen die Konferenzen ausfallen – keine Zeit für so etwas, in der Redaktion wird jede/r gebraucht.

Freie Mitarbeiter aus ganz Niedersachsen sind nach Hannover gereist: Fernseh- und Hörfunk-Kollegen aus den Regionalstudios Oldenburg, Osnabrück, Lüneburg und Braunschweig. Zunächst trifft man sich bei ver.di zur Lagebesprechung.

Kiel, 9.45 Uhr


In der Fernseh-Konferenz fehlt etwa die Hälfte der Freien. Die, die da sind, tragen fast durchweg orange.

Hamburg, 10 Uhr

Unser knallgelber Bus hält in der Innenstadt und erstaunt so manchen Passanten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Erster Bewerbungs-Stopp bei der Mopo. Gespräch mit dem stellvertretenden Chefredakteur, dem wir eine symbolische Bewerbungsmappe übergeben: „Der NDR will uns bald nicht mehr. Haben Sie vielleicht Verwendung für 800 neue freie MitarbeiterInnen?“. Ein Journalist der „Süddeutschen Zeitung“ kommt ebenfalls dazu.

Zwei Fernseh-Kolleginnen unserer Truppe begleiten die Aktionen mit der Videokamera. Das Ergebnis wird in Kürze in unseren Videonews zu besichtigen sein.

Kollegen von der Stadtreinigung fanden uns spontan sympathisch.

Dann gegen 10.30 Uhr ein Anruf - der NDR hat eine Pressemitteilung herausgegeben, die großflächig an Medien und Politik versendet wurde: "Verständnis für die Aktion der Freien, aber das Arbeitsrecht… das erlaube keine Gestaltungsmöglichkeiten." Kommentar im Bus: „Wie das Programm heute, nur Archivmaterial.“

Die Praxis des NDR beruhe auf dem mit den Gewerkschaften 1996 abgeschlossenen Tarifvertrag. Das finden nun die Gewerschaftler frech und reagieren prompt nach der Aktion.

Hannover, 11.00 Uhr

In Hannover beginnt die Pressekonferenz der Freien - im Laufe des Tages werden mehrere Beiträge über den Aktionstag im Fernsehen und Hörfunk ausgestrahlt, am nächsten Tag werden alle größeren Zeitungen über die Aktion der Freien informieren.

Aus Hannover wird gemeldet, dass keine Redaktion oder Regionalstudio bekannt ist, in denen Freie an diesem Tag arbeiten.

In überwältigender Geschlossenheit bleiben Freie dem Sender fern - auch wenn am nächsten Tag bei der offiziellen Mitarbeiterversammlung die Teilnehmerzahl etwas heruntergespielt werden sollte...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hamburg, 11.00 Uhr

Nächste Station: Hamburger Abendblatt . Aussteigen, Plakat ausrollen, Informationsmaterial übergeben.

Dann Unruhe: Polizisten des nahen Polizeikommissariates sind auf uns aufmerksam geworden.

Polizisten vermuten eine „unangemeldete Demonstration“, eine ungenehmigte Versammlung.

Unser Reiseleiter muss seine Personalien angeben...

Foto: Florian Bueh

Es wird Anzeige gegen uns erstattet. Doch dann kommt ein Anruf von der Polizei-Pressestelle.

Den Beamten wird klar, dass es sich hier um einen Arbeitskampf handelt - derlei Aktionen sind erlaubt.

Bester Laune geht es wieder weiter zum Spiegel-Haus - eskortiert von einem Polizeiwagen. Vielleicht traut man uns doch

nicht recht über den Weg - oder die Beamten wollen sich nur vergewissern, dass wir sicher beim Spiegel ankommen;)

 
   

  Foto: Florian Bueh

An die Fersen des Polizeiautos wiederum hat sich ein Fotograf einer großen Zeitung geheftet.

Beim Spiegel-Verlag angekommen gibt es erst mal einen Foto-Termin - dann werden die Bewerbungsunterlagen übergeben.

 

 

Derweil muss im Funkhaus bei NDR 2 der Schlussredakteur noch länger bleiben und weiter die Nachrichten lesen: Doppelschicht.

Bei "DAS!" sind die Schnitträume wie verwaist, die Volontäre müssen ran. „Bei uns arbeiten am 14.2. alle“ - hieß es am Vortag noch auf der Konferenz. Aber dann ist das Großraumbüro doch leer geblieben.

Beim Hamburg Journal sind - anders als sonst - die Festangestellten die Beitrags-Macher.

Kiel, 11.00 Uhr
Auch beim Hörfunk in Schleswig-Holstein machen vorwiegend fest Angestellte das Programm - und haben dabei deutlich weniger Gestaltungsmöglichkeiten als sonst. Beiträge werden von anderswo übernommen oder von festen Redakteuren erstellt. Manche Themen lassen sich gar nicht umsetzen: Leider keine Reporter da!

Hamburg, 12.00 Uhr

Besuch bei der dpa . Wir übergeben in einer Mappe unsere Sicht der Dinge samt einer Bewerbung.

Hamburg, 12.30 Uhr
Ende der Bustour im Restaurant „Match Point“ am Mittelweg neben dem Tennisstadion. „Spiel, Satz und Sieg“ für die Freien-Aktion - alles ist gut gelaufen.

Bei Döner, Tortellini und Milchkaffee wird kräftig mit den anwesenden Pressevertretern weiter diskutiert. Auch ein paar „ehemalige NDR-Freie“ sind gekommen, dazu Vertreter der Gewerkschaften und sogar jemand vom Rundfunkrat. Telefonate mit Kiel, Hannover, Schwerin: Wie läuft es bei Euch?  

Derweil überlegt man beim NDR Fernsehen, ein Kamerateam zum Match Point zu schicken, um über unsere Aktion zu berichten. Jedoch: Es fehlt ein Autor. "Alle, die wir mit dem Dreh beauftragen könnten, sind bereits im Match Point" heißt es.

Schließlich findet sich eine Volontärin, die im Lokal aufkreuzt und für NDR aktuell einen Bericht erstellt. Zur Abwechslung wird mal über UNS berichtet!

Auch im NDR-Hörfunk werden am Nachmittag Berichte über uns gesendet.

Ein Kollege gibt dem NDR-Kamerateam ein Interview. Das tun wir doch gern!

Hannover, 13.00 Uhr
Die freien Kollegen in Hanover sind derweil mit Bewerbungsunterlagen zur Arbeitsagentur marschiert. Dies ist mehr als eine symbolische Aktion - denn die freien Mitarbeiter müssen sich tatsächlich zu hunderten um ihre Zukunft Sorgen machen. Die Arbeitsagenturen informieren über Existenzgründung, Umschulungen und Förderungen.

Schwerin, 13.00 Uhr
In den Räumen des DJV werden die protestierenden Freien sogar mit Kuchen erwartet. Auf dem Tisch auch ein ver.di-Flugblatt. Ein gesperrter und ein ehemaliger Kollege berichten von ihren Arbeitsmöglichkeiten "danach" - kaum vorhanden in der medienarmen Landschaft im Nordosten. Die Situation in den Studios wird besprochen und natürlich das „Wie weiter?“. Fazit: Prognose für Neueinsteiger ist unzureichend, wir brauchen eine Lösungsmöglichkeit für alle - auch die ehemaligen - RahmenverträglerInnen!

Hannover, 13.00 Uhr

Auch beim Treffen der niedersächsischen Freien gehen die Gespräche und Diskussionen weiter: Wie verhalten wir uns, wenn der NDR nicht nachgibt? Wie wär’s, wenn wir mal länger als einen Tag wegblieben? Mit welchen Modellen könnten wir leben? Viele Fragen, die noch übrig bleiben für die Zukunft…

Sendegebiet des NDR, 16 Uhr
Ende der Aktionen: Wir haben’s wirklich getan, das war ein guter Tag! Kaum ein Freier, der sich nicht beteiligte - ein Zeichen großer Solidarität. Die Agentur- und Pressemeldungen sprudeln nur so.  Was bleibt: Die Hoffnung, dass der NDR sich bewegt.

Danke an Florian Bueh, der uns einige Fotos zur Verfügung stellte.

Pressestimmen zum 14.02.08

Slide-Show und Interview zum Thema "Freie machen frei" (Radio Jade)